ndr.de: Marode Hochbrücke


Die maroden Pfeiler der Rader Hochbrücke

Es riecht nach Staub, abgenutzten Schleifscheiben und die Generatoren für Druckluft und Strom dröhnen. Wer hier an der Rader Hochbrücke arbeitet, darf keine Angst vor Schmutz und Lärm haben. Schwindelfrei sollte er auch sein und enge Räume dürfen kein Problem darstellen. Mit anderen Worten: Die Sanierungsarbeiten an der Rader Hochbrücke sind ein Knochenjob. Thomas Friedrichsen ist auf der zurzeit berühmtesten Baustelle in Schleswig-Holstein zuständig für die Betonsanierung. Er und seine acht Mitarbeiter sind hier seit fast vier Wochen im Dauereinsatz. Von früh bis spät, sieben Tage die Woche.

28 Pfeiler stehen auf dem Prüfstand

Seit Ende Juli arbeiten sich die Experten für Betonsanierung von der Südseite der Brücke in Richtung Norden vor. Pfeiler für Pfeiler – Tag für Tag. Jeden der 28 Pfeiler nehmen sie zunächst genau unter die Lupe. Heute ist Pfeiler Nummer 9 an der Reihe. Ausgerüstet mit Helm und Zollstock öffnet Friedrichsen die schwere Stahltür am Fuße des Pfeilers und schaltet das Licht an. Mehrere Leuchtstoffröhren flackern auf und erleuchten schließlich schwach das Innere des Betonpfeilers. Vorsichtig besteigen wir die erste Leiter, die fest an die Wand montiert ist, bis wir auf die erste Zwischendecke in gut 3 Metern Höhe gelangen. Eine Gitterplatte aus Metall, ebenfalls fest in den Pfeiler eingebaut.

Wieder geht es über eine Leiter auf eine weitere Zwischendecke und so weiter und so weiter. Dabei verjüngt sich der Pfeiler immer mehr, je näher wir der Spitze unter der Fahrbahndecke kommen. Die Außenwände scheinen sich immer näher zu kommen, der Raum wird immer kleiner. Während mir der Aufstieg als Ungeübter immer schwerer fällt, hat Bauleiter Friedrichsen sogar beim Leiterklettern noch eine Hand frei, um zu telefonieren. Überhaupt: Sein Handy klingelt immerzu. Als Bauleiter ist er ein gefragter Mann. „Und nebenbei hat unsere Firma auch noch andere Kunden, die bedient werden wollen“ sagte er und lächelt. Die Arbeit an der Rader Hochbrücke macht ihm sichtlich Spaß. Ist ja auch kein alltäglicher Job hier. Über uns rollt der Straßenverkehr, wenn grad‘ auch nur einspurig in jede Richtung.

Ausbessern, runterklettern und weiter geht’s

Oben angekommen erläutert Friedrichsen, wo genau das Problem in den Pfeilern liegt. Am obersten Ende bröckelt der Beton. Das erkenne sogar ich als Laie genau. Gut sieht das nicht aus. „Beim Bau hat es vermutlich Schüttfehler gegeben“, sagt Friedrichsen. „Deshalb sind hier Hohlräume entstanden, die wir erst während der planmäßigen Sanierung der Brücke festgestellt haben.“ Jetzt müssen die schadhaften Stellen ausgebessert werden. Wie das funktioniert, zeigt mir der Bauleiter an einem anderen Pfeiler. Also wieder absteigen, zum nächsten Pfeiler gehen und wieder aufsteigen. Anstrengend. Für Friedrichsen kein Problem. Das macht er unzählige Mal am Tag. Und so hat er den Weg von Pfeiler 9 zu Pfeiler 8 statt für’s Durchatmen für eine schnelle Zigarette genutzt. Im Pfeiler ist das Rauchen nicht erlaubt.

Zwei Tage Arbeit pro Pfeiler

An der Spitze von Pfeiler 8 sind Friedrichsens Kollegen schon einen ganzen Schritt weiter. Zwei Mitarbeiter haben den „Bröselbeton“ bereits mit schweren Elektrohämmern aufgestemmt und die Bewehrung freigelegt. Das sind Metallstreben, die den Beton zusätzlich stabilisieren. „Diese Stellen“, so Friedrichsen „werden nun mit speziellem Granulat abgestrahlt und anschließend wird Beton eingespritzt. Granulat und Beton gelangen durch lange Schläuche in die Pfeiler.“ Beim Abstrahlen darf ich nicht dabei sein. „Das staubt so sehr, dass man schnell die Orientierung verliert, weil man die Hand vor Augen nicht sieht“, sagt Friedrichsen. In 40 Metern Höhe nicht ungefährlich. Sobald sich der Staub verzogen hat werden die Schadstellen zunächst befeuchtet und mit Beton ausgespritzt. 28 Tage dauert es bis der richtig ausgetrocknet ist und hält. Knapp zwei Tage brauchen Friedrichsen und seine Leute für einen Pfeiler. Dann ist der nächste dran.

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