ndr.de: Umgang mit Gewalt


Polizisten, die von Jugendlichen beleidigt werden. Rettungssanitäter, die sich gegen renitente Verletzte zur Wehr setzen müssen. Feuerwehrmänner, die beim Löschen mit Steinen beworfen werden. Die Gewalt gegen Einsatzkräfte hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Von verbalen und nonverbalen Angriffen bis hin zu körperlichen Gewalt. Laut Innenministerium wurden in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr allein 1.300 Angriffe auf Polizisten registriert. 300 Beamte wurden bei körperlichen Angriffen verletzt. Und auch bei Feuerwehr und Rettungsdienst kommt es immer wieder zu Zwischenfällen.

Bei der Berufsfeuerwehr Kiel wollen die Verantwortlichen ihre Einsatzkräfte möglichst gut auf diese Gefahren vorbereiten. Seit gut zwei Jahren gibt es deshalb regelmäßig Kurse, in denen Einsatztrainer der Polizei ihren Kollegen der Feuerwehr zeigen, wie sie sich in Gewaltsituationen verhalten sollten. Zunächst gab es nur theoretischen Unterricht, inzwischen wird auch praktisch geübt.

Kräfte werden geschubst und angepöbelt

Björn Michael Reimer ist Ausbilder im Rettungsdienst bei der Berufsfeuerwehr Kiel. Er weiß aus eigener Erfahrung, in welche unschönen Situationen seine Kollegen immer wieder geraten. „Das Meiste im Tagesgeschäft spielt sich auf verbaler Weise ab“, sagt Reimer. Zum Beispiel, wenn die Einsatzkräfte beschimpft werden, dass sie mit dem Einsatzfahrzeug die Straße blockieren. Im Rahmen einzelner Einsätze werden die Kräfte auch mal geschubst oder angepöbelt – meist von dementen oder betrunkenen Patienten. „Da wird dann auch gern mal eine Ohrfeige ausgeteilt“, sagt Reimers. Vor allem abends und am Wochenende rechnen seine Kollegen mit körperlichen Auseinandersetzungen. In diesem Jahr wurden im Stadtgebiet Kiel nach seinen Angaben aber erst zwei solcher Fälle von Gewalt gegen Rettungskräfte dokumentiert.

Beinahe täglich Gewalt, Beleidigungen und Respektlosigkeit

Im Kurs „Gewalt gegen Einsatzkräfte“, den unter anderem alle angehenden Notfallsanitäter der Berufsfeuerwehr Kiel in ihrer dreijährigen Ausbildung absolvieren müssen, bereitet Reimer seine Kolleginnen und Kollegen „gut auf die gefährlichen Situationen vor“, wie der Feuerwehr-Ausbilder sagt. Sie sollen lernen, gefährliche Situationen zu erkennen und sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, rät Einsatztrainer Lasse Gläser. Er ist seit elf Jahren Polizist und im Kieler Stadtteil Gaarden stationiert. Auch er erlebt Gewalt, Beleidigungen und Respektlosigkeit beinahe täglich, wie er sagt.

„Wir können nicht einfach gehen“

„Uns steht man dort oft feindselig gegenüber. In Gaarden ist die Polizei nicht so gern gesehen“, sagt Gläser. Als Polizist muss man wissen, wie man mit so einer Situation umgeht, was man macht, wenn jemand einem gegenübertritt und einfach angreift. „Wir können nicht einfach gehen. Wir müssen eine Person eventuell festnehmen und irgendwie an sie ran“, erläutert Gläser. Der Polizist will seine Erfahrungen beim Kurs „Gewalt gegen Einsatzkräfte“ an die Kollegen des Rettungsdienstes weitergeben. Für sie ist es oft besonders unangenehm, wenn Patienten aggressiv reagieren und sich nicht behandeln lassen möchten. „Man muss den richtigen Abstand abschätzen, seine eigenen Fähigkeiten kennen und das richtige Verhalten bei einem körperlichen Übergriff üben“, sagt Gläser.

Auf jedem Rettungsfahrzeug befinden sich Handfesseln

Auf Widerstand von Patienten treffen die Einsatzkräfte des Kieler Rettungsdienstes nicht selten bei Krankenfahrten ins Klinikum Heiligenhafen, dem für Kiel zuständigen Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Bei diesen Fahrten sitzt ein Rettungssanitäter mit dem psychisch Kranken allein im hinteren Teil des Rettungswagens. Der zweite Sanitäter fährt. Kommt es dann zu körperlicher Gewalt von Seiten des Patienten, darf dieser vom Rettungsdienst – auch zu seiner eigenen Sicherheit – fixiert werden, wenn dies beispielsweise ein Amtsarzt angewiesen hat. Für diesen Zweck befinden sich auf jedem Rettungswagen Handfesseln. Auch wie diese richtig angelegt werden, ist Bestandteil des Kurses.

Man muss konsequent sein – wie bei kleinen Kinder

„Die Kollegen im Rettungsdienst haben es deutlich schwerer als wir bei der Polizei“, sagt Einsatztrainer Gläser. „Wir haben im Notfall nicht nur Handfesseln, sondern auch Pfefferspray, den Schlagstock und im Notfall die Waffe dabei. Außerdem durchläuft jeder Polizist jährlich zweimal ein Einsatztraining“, ergänzt er. Gläser selbst hat seinen eigenen Weg gefunden, um mit Provokationen und Beleidigungen fertig zu werden. „Ich lasse mich darauf gar nicht ein“, sagt er. „Konsequentes Auftreten ist wichtig. Wirke ich unsicher, kriegt der andere Aufwind. Und was ich androhe, muss ich auch umsetzen. Es ist manchmal wie mit kleinen Kinder, die ihre Grenzen austesten.“ Da müsse man ja auch konsequent sein, sonst machen die immer weiter, lacht der Einsatztrainer.

https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Feuerwehr-Kurs-trainiert-Umgang-mit-Gewalt,feuerwehr2960.html