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für ndr.de: Hilfe bei Pädophilie: Dem Trieb widerstehen lernen

Christian Nagel für ndr.de | Experten schätzen, dass sich etwa 7.000 Menschen in Schleswig-Holstein sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Betroffen sind Männer und Frauen. Die Zahl der Männer liegt aber deutlich höher, da sind sich Sexualtherapeuten einig. In der Fachsprache reden sie von einer sogenannten sexuellen Präferenzstörung, einer psychischen Erkrankung, für die es keine Heilung gibt – aber Therapieangebote. So wie das Programm „Kein Täter werden“ im Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. Das Ziel: Die Betroffenen sollen lernen, mit ihrer sexuellen Veranlagung zu leben und sich unter Kontrolle zu haben, damit es nicht zu einem Übergriff auf ein Kind kommt.

Präventionsnetzwerk im Internet gefunden

Einer, der dort Hilfe sucht, ist Max (Name von der Redaktion geändert). Der 22-Jährige befindet sich seit etwa eineinhalb Jahren am ZIP in Therapie. „Ich habe mit 19 Jahren gemerkt, dass ich mich zu Kindern hingezogen fühle“, sagt Max mit leiser Stimme. Er fühlt sich vor allem von jungen, frühpubertierenden Mädchen angezogen. „Als ich das realisiert habe, war ich schockiert. Ich habe mich schnell dafür entschieden, etwas dagegen zu tun, bevor etwas passiert.“ Im Internet hat Max nach Hilfe gesucht und stieß dabei auf das Angebot im Kieler ZIP.

Angst vor dem ersten Besuch

Bis er sich dann dort meldete, verging jedoch einige Zeit. Max hatte große Befürchtungen, dass sein Umfeld etwas mitbekommt. „Ich habe einige Monate gebraucht, bis ich die Kraft hatte, mich telefonisch im ZIP zu melden“, erzählt der 22-Jährige, der vor dem ersten Besuch im ZIP große Angst hatte. „Ich wurde dann aber herzlich aufgenommen und hatte schnell die Hoffnung, etwas an meiner Situation verbessern zu können. Es war so gut, nicht als Monster behandelt zu werden, obwohl ich glaubte, eins zu sein“, beschreibt Max seinen ersten persönlichen Kontakt im Frühjahr vergangenen Jahres und fügt hinzu: „Sie sehen mich hier so, wie ich wirklich bin.“

Nicht jeder wird in dem Projekt aufgenommen

Leiter des Projekts „Kein Täter werden“ ist Prof. Dr. Christian Huchzermeier. Aktuell sind etwa 25 pädophil veranlagte Männer am ZIP in Psychotherapie. „Die Patienten haben sich ihre Veranlagung nicht ausgesucht. Sie verurteilen sich häufig selbst, weil sie solche Fantasien und solche Gedanken haben“, erklärt der Arzt. Der erste und wichtigste Schritt der Therapie ist laut Huchzermeier deshalb, die Selbstakzeptanz der Patienten zu fördern. „Sie müssen lernen, dass es in ihrer Verantwortung liegt, dass es nicht zu Übergriffshandlungen auf Kinder kommen kann“, meint Huchzermeier.

Psychologin Julia Pätzel betont, dass nicht jeder pädophil veranlagte Patient im Projekt aufgenommen werden könne. Menschen, die sich in einem Ermittlungs- oder Strafverfahren befinden, werden an die Forensische Fachambulanz des Landes Schleswig-Holstein am ZIP verwiesen. „Kein Täter werden“ ist ein Präventionsprojekt, in dem Personen mit einer pädophilen Neigung behandelt werden, bevor sie eine Straftat begehen oder bei den Strafverfolgungsbehörden aktenkundig werden. Die meisten Interessenten melden sich – wie Max – telefonisch über die Hotline. Bei allen ist die Angst groß, dass das Umfeld von der Erkrankung erfahren könnte. Die Sorge ist jedoch unbegründet.

Therapiegespräche unterliegen der Schweigepflicht

„Wir behandeln anonym, kostenlos und unter therapeutischer Schweigepflicht. Es sind keine persönlichen Daten erforderlich, nicht mal eine Krankenkassenkarte brauchen wir. Das Angebot wird pauschal vom gesetzlichen Krankenkassenverein als Modellprojekt finanziert“, sagt Pätzel. Nicht mal sie kennt die echten Namen, wenn es ihre Patienten so wollen.

Nichts dringt nach AußenSelbst dann, wenn die Patienten zum Beispiel kinderpornografische Videos oder Bilder angesehen und sich damit strafbar gemacht haben. „Nur dann, wenn eine strafbare eigen oder fremd gefährdende Handlung glaubhaft angekündigt wird, dürfen wir in Ausnahmefällen unsere Schweigepflicht verletzten“, erklärt Pätzel. Im Kieler ZIP hat es so einen Fall aber nach ihren Worten noch nie gegeben.

Pädophilie wird oft von anderen psychischen Erkrankungen begleitet

Ernüchterung tritt zu Therapiebeginn bei vielen Patienten ein, wenn die Therapeuten im Erstgespräch erläutern, dass die pädophile Neigung nicht „heilbar“ ist. „Die Betroffenen erlernen während der Therapie ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse besser wahrzunehmen, zu bewerten und zu kontrollieren. Die Selbstbeobachtung für pädophiole Fantasien wird geschärft, um Handlungsimpulse früher zu erkennen. Im Verlauf der Therapie lernen die Patienten dann Risikosituationen zu identifizieren und sexuelle Übergriffe auf Kinder zu verhindern“, erläutert Pätzel. In der Therapie gehe es mitunter darum, die pädophile Neigung besser ins Selbstbild zu integrieren und zu akzeptieren.

In der Therapie wollen die Sexualtherapeuten die Impulskontrolle erhöhen, um Missbrauchssituationen im Internet oder in der Realität vorzubeugen. „Wir entwickelnd mit dem Patienten neue Verhaltensstrategien und Notfallpläne für Risikosituationen: Was mache ich, wenn ich merke, dass ich in eine potentiell eigen- oder fremdgefährdende Situation komme? Die Lösungsansätze sind dann von Patient zu Patient unterschiedlich“, erläutert Pätzel. Oft wird die Pädophilie auch von anderen psychischen Erkrankungen begleitet – wie etwa Depressionen. „Viele Patienten haben aufgrund ihrer pädophilen Veranlagung starke Schuldgefühle, verachten sich, entwickeln manchmal Suizidgedanken. Außerdem vermeiden sie wegen ihrer großen Schuldgefühle soziale Situationen und leiden sehr unter ihrer Einsamkeit“, sagt Pätzel.

Max: „Therapie gibt mir Sicherheit“

Für Max ist das Therapie-Angebot, wie er sagt, „ein Glücksfall“. Er nimmt alle zwei Wochen daran teil. „Die Sitzungen geben mir Hoffnung. Ich gehe jedes mal etwas selbstbewusster und reflektierter aus einem Therapiegespräch. Das gibt mir Frieden und Sicherheit und ich fühle mich verstanden und gehört“, sagt er. In der Therapie hat er bereits einige Strategien zur Verhaltenskontrolle erarbeiten können. „Merke ich in einer Situation, dass ich ein Mädchen zu lange angucke, versuche ich, den Blick so schnell wie möglich abzuwenden“, erklärt Max. Wird er innerhalb der Familie als Babysitter eingespannt, fragt er ein Familienmitglied, das über seine pädophile Veranlagung Bescheid weiß, ob es für ihn die Betreuung übernimmt.

Angst vor Ausgrenzung und Vorurteilen

„Wüssten die Eltern von meiner Neigung, ich weiß nicht, ob sie mir ihr Kind anvertrauen würden“, sagt Max, der Angst vor Ausgrenzung und Vorurteilen hat. Deshalb erzählt er nicht allen in seiner Familie von seinen pädophilen Neigungen. Max vermeidet Situationen, in denen er alleine mit den Kindern seiner Geschwister ist. Er fühle sich dann unwohl. „Nicht, weil ich glaube, dass ich Kindern etwas antun könnte. Sondern vielmehr, weil ich daran erinnert werde, dass die Kinder in den Missbrauchsabbildungen im Internet keine Chance mehr auf eine unbeschwerte Kindheit haben“, sagt Max. Wenn er die Perspektive der Opfer übernimmt, hilft es ihm, „keinen Missbrauch – weder im Internet noch an einem Kind aus meinem Umfeld – zu begehen“.