ndr.de: Gefahr auf dem Rücksitz


Crashtest auf dem DEKRA-Versuchsgelände in Neumünster

Peter Rücker beugt sich in den Kofferraum und rüttelt an einigen Kabeln. Der Prüfingenieur checkt ein letztes Mal, ob alle Steckverbindungen fest sind, kein Kabel lose oder gebrochen ist. Wo sonst Koffer oder Getränkekisten stehen, haben Rücker und seine Kollegen hochsensible Technik verbaut. Dazu gehören auch Hochgeschwindigkeitskameras. Er ist zufrieden, alles passt. Das Versuchsfahrzeug ist für den Test präpariert. In wenigen Minuten soll das Fahrzeug mit 50 Kilometern pro Stunde gegen ein Hindernis fahren. Den Ingenieuren geht es heute um die Insassen-Sicherheit, die sie im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft prüfen. Sie wollen auswerten, was passiert, wenn eine Person auf der Rücksitzbank während des Aufpralls nicht angeschnallt ist. Einer von bis zu 250 Crash-Tests, die der DEKRA-Teamleiter mit seinen Kollegen im Versuchszentrum in Neumünster jedes Jahr durchführt.

Verzögerung durch die Airbag-Kontrollleuchte

Kurz vor dem Start versieht Rücker die beiden Dummys schnell noch mit Spezialfarben an Kopf und Beinen. „So können wir nach dem Zusammenstoß erkennen, an welchen Stellen der Dummy gegen Lenkrad oder Vordersitz gestoßen ist“, erklärt er. Wie stark der Aufprall wird, messen 40 feine Sensoren im Inneren der Dummys. Im Auto erfassen elektronische Fühler weitere Messdaten. Gleich kann es losgehen. Ein Techniker startet im Kontrollraum einen Countdown, alle Mitarbeiter müssen die 105 Meter lange Teststrecke verlassen. In zehn Minuten soll der Versuchswagen starten. Doch plötzlich muss der Test unterbrochen werden. Im Auto leuchtet die Airbag-Kontrollleuchte auf. „Da liegt ein technischer Fehler vor“, meint Rücker. Das komme bei so alten Fahrzeugen schon mal vor – wie im richtigen Leben eben.

Countdown läuft, Anspannung steigt

Obwohl nicht klar ist, ob sich der Airbag des Wagens beim Aufprall wirklich öffnet, setzen die Techniker den Test fort. Erneut startet ein Mitarbeiter den Countdown. Es ertönt ein Alarmsignal – und das Fahrzeug setzt sich in Bewegung. Ein hydraulischer Antrieb im Boden der Teststrecke zieht den Pkw in Richtung Hindernis. In kürzester Zeit erreicht der Wagen Tempo 50 und prallt gegen die Betonwand. Fahrer- und Beifahrerairbag lösen sich mit einem lauten Knall aus. Eine graue Rauchwolke steigt aus dem Fahrzeug, es riecht nach verschmortem Plastik. Sekunden später verzieht sich der Rauch. Rückert und seine Kollegen checken das Versuchsfahrzeug – zunächst aus sicherer Entfernung. Schließlich geben sie Entwarnung. Alles in Ordnung.

Mit 50 km/h fliegt der Dummy gegen den Sitz

Die Techniker beginnen sofort, die erfassten Daten der Sensoren mit einem Laptop auszulesen. Die Daten sind wenig überraschend, aber schockierend. „Das Auto baut die meiste Aufprallenergie ab. Der Rest muss von den Rückhaltesystemen abgebaut werden“, erklärt Rücker und fügt an: „Der Gurt ist das Wichtigste im Auto. Wenn man ihn nicht nutzt, können die Sicherheitssysteme, wie sie vom Autohersteller vorgesehen sind, nicht funktionieren.“ Was das bedeutet, zeigt dieser Test: Der nicht angeschnallte Dummy ist mit voller Wucht gegen den Fahrersitz geprallt. Das Fahrzeug kam sofort zum Stehen, der Dummy flog auf der Rückbank aber mit 50 km/h gegen den vorderen Sitz. „Ein echter Mensch hätte sich und den Fahrer des Autos verletzt. Obwohl der Fahrer angeschnallt war und vom Airbag aufgefangen wurde, wird er bei solchen Unfällen meist stark verletzt“, sagt Rücker.

Mitfahrer sitzen hinten fast immer falsch

Der gefährlichste Platz im Auto seien tatsächlich die Rücksitze, sagt Siegfried Brockmann von der GDV Unfallforschung. Pro Jahr sterben etwa 130 Insassen, die auf dem Rücksitz sitzen. 2.800 werden schwer verletzt. Laut Brockmann hat das zwei Gründe: Zum einen sitzen die Mitfahrer hinten fast immer falsch. Sie beugen sich nach vorne oder zur Seite, um sich mit den Insassen vorne unterhalten zu können. „Außerdem legen sie den Gurt nicht richtig an, der meist nicht in der Höhe verstellbar ist. Wird der Gurt unter den Arm gelegt, damit er nicht am Hals stört, hat er fast keine Wirkung mehr. Das hätten Test ergeben“, sagt Brockmann.

GDV fordert mehr Sicherheit auf den hinteren Plätzen

Des Weiteren tragen laut Brockmann die Autohersteller eine Mitschuld. Während die vorderen Sitzplätze in den vergangenen Jahrzehnten mit Airbags, Anschnallwarnern, Gurtstraffern und Höhenverstellung ergänzt worden seien, habe sich auf der Rückbank seit den 80er-Jahren fast nichts verändert. Der GDV fordert deshalb von den Fahrzeugbauern, dass sie mehr für die Sicherheit auf den hinteren Plätze tun – zum Beispiel Airbags und Gurtstraffer einbauen. „Aber auch die Mitfahrer müssen sich an Regeln halten“, ergänzt Versuchsleiter Rücker. „Sie müssen sich immer anschnallen, darauf achten, dass der Gurt optimal am Körper sitzt sowie gerade und aufrecht im Auto sitzen.“ Für den Prüfingenieur ist klar, dass nur so Verletzungen bei einem Frontalzusammenstoß vermieden werden können.

http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Studie-Ruecksitze-sind-unsicherste-Plaetze-im-Auto,crashtest142.html